Katholische Pfarrei Herz Jesu
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La Speranza (Die Hoffnung)

La Speranza in Italien, das ist in diesen Tagen der Himmel in einem klaren und provokativen Blau. Das ist die Sonne, die hartnäckig auf die verlassenen Straßen scheint und in die Haushalte lacht, die wieder lernen, Familie zu sein.

La Speranza, das sind Hunderte anonyme Post-its, die die geschlossenen Ladenfronten zu verdecken beginnen, um all die kleinen Ladenbesitzer trotz dunkler Zukunft zu ermutigen; zuerst in Bergamo, dann, wie eine – ebenfalls virale – Welle der Hoffnung in der Lombardei, bevor sie ganz Italien erreichte: “Tutto andrà bene <3” (und wie kann man nicht an die Worte Jesu an Julian von Norwich denken “…ma tutto sarà bene e tutto finirà bene “*?)

La Speranza, das ist das Leben, das stärker ist, und der Frühling, der vergisst zu trauern und sich zu fürchten, sondern unaufhaltsam voranschreitet und die Bäume ausschlagen und die Vögel singen lässt.

La Speranza, das sind all die vorbildlichen Lehrer, die innerhalb weniger Tage die Schule neu erfinden und gleichzeitig Online-Kurse entwickeln, Klassenarbeiten fernkorrigieren, das Mittagessen vorbereiten und sich um ihre Kinder kümmern.

La Speranza, das sind all die jungen Menschen, die nach den ersten Tagen der Ahnungslosigkeit und Rücksichtslosigkeit, der Euphorie über unerwartete “Ferien”, wieder ein Verantwortungsgefühl entwickeln, und bei denen wir entdecken, dass sie ernsthaft und voller Gemeinsinn sein können wenn es nötig ist – ohne dabei ihre Kreativität und ihren Sinn für Humor zu verlieren: jeden Abend um 18 Uhr gibt es einen Flashmob für alle – einen besonderen Flashmob. Jeder von seinem Fenster aus… und die Stadt wird die italienische Hymne aus jedem Haus erklingen hören, und am nächsten Abend ein Volkslied, das im Einklang gesungen wird. Denn schwierige Zeiten vereinen die Menschen.

La Speranza, das sind all jene Eltern, die ihren Einfallsreichtum und ihre Kreativität verdoppeln, um neue Spiele für die Familie zu erfinden. Und es sind ihre Initiativen, um “handyfreie” Momente für alle zu schaffen, damit die Bildschirme nicht alle Kairos (Griech.: besonderen Momente) stehlen, die die Familien nun zusammen erleben können.

La Speranza – nach einer ersten Explosion der elementarsten Überlebensinstinkte (Hamsterkäufe im Supermarkt, Ansturm auf Masken und Desinfektionsmittel, die nächtliche Abwanderung in den Süden Italiens…) – waren es auch die Studenten, die inmitten all dessen Ruhe, Verantwortung und Bürgersinn bewahrten… die den Mut hatten, in Mailand zu bleiben, weit weg von ihren Familien, um ihre verwundbareren Herkunftsregionen zu schützen: Kalabrien, Sizilien… und die sich vor allem dem anderen Urinstinkt verweigert haben: dem der Verurteilung und des Zeigens mit dem Finger voller Wut oder Neid auf diejenigen, die nicht die Kraft hatten, sich einen Monat weit weg von ihren Familien zu isolieren, und die aus der Lombardei geflohen sind.

La Speranza, das ist der Polizist, der bei der Kontrolle der Ausgangssperre auf eine Krankenschwester trifft, die an die Front zurückkehrt, sich vor ihr verbeugt und sich sagt: “Massimo rispetto” („mein größter Respekt“).

Und La Speranza konzentriert sich natürlich auf die “camicia verde” der Ärzte und den Einsatz des Gesundheitspersonals, das sich in den überfüllten Krankenhäusern erschöpft und den Kampf fortsetzt. Und auf alle, die sie heute als die wahren “Engel des Vaterlandes” erkennt.

Aber La Speranza ist auch ein Leben, das inmitten des Sturms beginnt, meine kleine Schwester, die mitten in der Sintflut an den Börsen einen kleinen Noah zur Welt bringt, während sich alle in ihre Arche zurückziehen, zum Überleben – diesmal nicht der Arten, sondern der Schwächsten.

Und vor allem das ist La Speranza: die reichen und produktiven Länder desjenigen Europas, von dem man dachte, es sei bereit, seine alten Menschen loszuwerden, das man für zynisch hielt, was die Euthanasie der “Prekärsten der Gesundheit” betrifft… das sind die Länder, die plötzlich das Leben verteidigen, die zerbrechlichsten, die am wenigsten produktiven, die “schwerfälligen” für den Systemkönig mit dem berühmten Rentenproblem… Und hier sehen wir unsere Wirtschaft auf den Knien. Auf den Knien vor dem Bett der Ältesten und Verletzlichsten. Ein ganzes Land steht für sie still…

In dieser besonderen Fastenzeit gibt es einen neuen Fahrplan: die Wüste durchqueren, zu beten und den “eucharistischen Hunger” wiederzuentdecken. Um das zu leben, was Tausende von Christen auf der ganzen Welt leben. Um das Wunder wieder zu entdecken. Aus unserer Routine herauszukommen…

Und in diesem totalen Nebel navigieren Sie auf Sicht, lernen Sie wieder Vertrauen, wirkliches Vertrauen. Ergeben Sie sich der Vorsehung.

Und Sie lernen auch, aufzuhören. Denn es bedurfte eines winzigen, unsichtbaren, lächerlichen Virus, der uns ins Gesicht lacht, um unsere wahnsinnige Eile zu stoppen.

Und am Ende, nach einem langen Fasten, die Hoffnung auf Ostern, der Sieg des Lebens am Ende dieser langen Fastenzeit, die auch eine Explosion von wieder gefundenen Umarmungen, Gesten der Zuneigung und einer lang erhofften Gemeinschaft sein wird.

Und wir werden mit dem heiligen Franziskus sagen können: “Gelobt seist Du, o Herr, für den Fratello Coronavirus, der uns wieder die Demut, den Wert des Lebens und der Gemeinschaft gelehrt hat!“

Aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt (Joh 16,33)

Sr Olivia Désert, Kongregation der Religiose de Maria Immaculata. Mailan, 13.03.20

PS: Sie ist die Kousine von P. Pierre de Curraize