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‚Benedikt XVI./Seewald: Letzte Gespräche‘ – Vorwort in voller Länge – Buchtipp

Letzte Gespräche – Mit Peter Seewald (Benedikt XVI, Peter Seewald)
Benedikt XVI., 1927 als Joseph Ratzinger geboren, war Professor für Theologie in Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg, Erzbischof von München und Freising (1977-1982) und Präfekt der Glaubenskongregation (1982-2005), bevor er 2005 im Konklave zum Papst gewählt wurde; 2013 überraschte er die Welt mit seinem Rücktritt.
Peter Seewald, Jahrgang 1954, arbeitete als Journalist für den SPIEGEL, den STERN und das Magazin der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG. Er gilt heute als einer der erfolgreichsten religiösen Autoren Deutschlands. Seine bekanntesten Bücher sind neben „Salz der Erde“, „Gott und die Welt“ und „Licht der Welt“ die Werke „Jesus Christus. Die Biografie“ und „Gott ohne Volk?“ (zus. mit Bischof Stefan Oster).
Vatikan (kath.net) Es war ein Sommer ins Land gezogen und ein Winter, und als ich am 23. Mai 2016 noch einmal den steilen Weg hinauffuhr, in das Kloster Mater Ecclesiae in den Vatikanischen Gärten, fürchtete ich, es könnte unser letztes langes Gespräch sein.

Schwester Carmela öffnete die Tür, aber diesmal nicht mit Schürze, sondern in einem eleganten Kostüm. Im Empfangsraum hing ein Bild, das den Heiligen Augustinus zeigte, den großen geistigen Lehrer, der ihm so viel bedeutete, weil an ihm das dramatische, das so menschliche Ringen um die Wahrheit des Glaubens zu studieren ist.

Statt der roten Slipper trug Benedikt XVI. nun Sandalen wie ein Mönch. Dass er auf dem linken Auge seit vielen Jahren erblindet war, wussten nur wenige, inzwischen hatte auch sein Gehör nachgelassen. Der Körper war abgemagert, aber seine ganze Erscheinung war weich wie nie zuvor. Und es war faszinierend zu sehen, dass der kühne Denker, der Philosoph Gottes, der erste Mensch, der sich Papa emeritus nennen darf, am Ende angekommen ist, wo Intellekt allein nicht genügt, in Stille und Gebet, der Herzmitte des Glaubens.

Es war im November 1992, als ich dem früheren Präfekten erstmals begegnete. Das Magazin der »Süddeutschen Zeitung« wollte ein Portrait veröffentlichen, und ich sollte es zeichnen. Auf einer Liste von Antragstellern, die sich um einen Termin beim berühmtesten Kardinal der Welt balgten, waren die Namen von Kollegen der »New York Times«, der »Prawda« und des »Le Figaro«. Ich stand nicht in Verdacht, besonders katholisch zu sein, aber je länger ich mich mit Joseph Ratzinger befasste, umso mehr imponierten mir seine Souveränität, seine Leidenschaft, sein Mut, mit unzeitgemäßen Gedanken gegen den Strich zu bürsten. Und seltsam, die Analysen waren nicht nur aufregend, sie schienen auch zu stimmen.

Genauer betrachtet verkörperte der vielgeschmähte »Panzerkardinal« keine Geschichte von gestern, sondern eine von morgen: eine neue Intelligenz im Erkennen und Aussprechen der Geheimnisse des Glaubens. Seine Spezialität war, komplizierte Dinge entwirren zu können, durch das nur Oberflächliche hindurchzuschauen. Wissenschaft und Religion, Physik und Metaphysik, Denken und Beten – Ratzinger brachte diese Dinge wieder zusammen, um wirklich auf den Kern einer Sache zu kommen. Wobei die Schönheit seiner Sprache die Tiefe seiner Gedanken noch weiter in die Höhe trug. »Theologie«, erklärte er, »ist Nachdenken des uns von Gott Vorgesagten, Vorgedachten«. Um freilich empfangen zu können, muss man auch ein Hörender sein. Um Menschen nicht nur zu beeindrucken, sondern auch zu Gott zu führen, braucht das Wort die Inspiration.

Wie Karol Wojtyla so hat auch Joseph Ratzinger die Folgen atheistischer Systeme am eigenen Leib verspürt. Als Kind sah er mit an, wie die Kruzifixe aus den Schulen verschwanden, als 17-jähriger Soldat, wie der Wahn, in einer Welt ohne Gott den »neuen Menschen« zu schaffen, in Terror und apokalyptischer Verwüstung endete. Die Aufgabe, das Christentum gegen die Umwertung der Werte auch argumentativ verteidigen zu müssen, wurde prägend für sein Denken, sein ganzes Werk. »Im Glauben meiner Eltern«, sagte er, »hatte ich die Bestätigung für den Katholizismus als einem Bollwerk der Wahrheit und der Gerechtigkeit gegen jenes Reich des Atheismus und der Lüge, das der Nationalsozialismus darstellte.«

Es ist ein dramatischer Weg mit Siegen und Niederlagen, der den Hochbegabten, der sich früh als einen Herausgerufenen erkennt, bis auf den Stuhl Petri führt. Da ist der feinsinnige Schüler, der griechische Hexameter dichtet und sich für Mozart begeistert. Der blutjunge Student, der in den zerbombten Straßen Münchens von einem christlichen Aufbruch träumt. Der wissbegierige Meisterschüler, geschult am progressiven Denken der besten Theologen ihrer Zeit, der über Büchern von Augustinus, Kierkegaard und Newman brütet. Der unkonventionelle Kaplan, der Jugendgruppen begeistert. Aber auch der am Boden zerstörte Habilitand, der plötzlich am Abgrund seiner jungen Karriere steht und zu scheitern droht.

Das Schicksal will es anders. Und mit einem Mal ist der fast noch bubenhaft wirkende Professor aus einem kleinen Dorf in der bayerischen Provinz der neue Star am Himmel der Theologen.

Das frische Wort, der kreative Zugang zum Evangelium, die authentische Lehre, die er verkörpert, lassen aufhorchen. »In der Theologie eines großen Denkers«, schrieb sein Münchener Lehrmeister Gottlieb Söhngen, »bestimmen sich Gehalt und Form des theologischen Denkens gegenseitig zur lebendigen Einheit.« Ratzingers Hörsäle platzen aus allen Nähten. Die Mitschriften seiner Vorlesungen werden per Hand tausendfach vervielfältigt. Seine »Einführung in das Christentum« begeistert in Krakau einen Karol Wojtyla, in Paris die Académie des Sciences Morales et Politiques, eine der Akademien des Institut de France, deren Mitglied er später wird.

Ratzinger ist gerade einmal 35 Jahre alt, als seine Anstöße dem Zweiten Vatikanischen Konzil jene Offenheit bescheren, mit der die Kirche in die Moderne eintritt. Niemand sonst als dieser theologische Teenager, erklärt ein dankbarer Johannes XXIII., habe besser zum Ausdruck bringen können, was er als Initiator mit dem Konzil eigentlich beabsichtigt habe.

Während die als progressiv gefeierten Theologen sich im Grunde recht kleinbürgerlichen Vorstellungen anpassen und meist nur den Mainstream bedienen, bleibt Ratzinger unbequem: als Professor, als Bischof von München, als Präfekt der Glaubenskongregation in Rom, der Johannes Paul II. ein Vierteljahrhundert lang den Rücken freihält – und dafür reichlich Prügel einsteckt. Das »eigentliche Problem unserer Geschichtsstunde« sei es, so seine Warnung, »dass Gott aus dem Horizont der Menschen verschwindet«. Durch das »Erlöschen des von Gott kommenden Lichts« breche eine Orientierungslosigkeit über die Menschheit herein, »deren zerstörerische Wirkungen wir immer mehr zu sehen bekommen«.

Seine Kirche nimmt er von Kritik nicht aus. Schon 1958 sprach er von der »Entweltlichung«. Diese sei notwendig, damit der Glaube wieder seine Wirkstoffe entfalten könne. Widerständig müsse man bleiben, unangepasst, um ohne Firlefanz wieder zu zeigen, dass mit dem Christentum eine Weltanschauung verbunden ist, die weit über alles hinausreicht, was mit einer rein weltlichen, materialistischen Haltung verbunden ist, inklusive der Offenbarung ewigen Lebens. Es sei naiv zu meinen, man bräuchte sich nur ein anderes Kleidchen anzuziehen und zu sprechen, wie alle sprechen, und plötzlich sei alles in Ordnung. Vielmehr gelte es, zurückzufinden zu authentischer Verkündigung und einer Liturgie, die das Mysterium der Messfeier wieder zum Leuchten bringt.

Unvergessen seine Anklage auf dem Kreuzweg in Rom im März 2005. »Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche«, ruft er aus, »und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten?«

Der alte Kardinal war eine Art Eckstein geworden, auf den niemand mehr setzten wollte. Ratzinger selbst sehnte sich nach dem Ruhestand. Doch schon wenige Tage nach seinem Karfreitags-Aufruf zu Selbstreflexion und Reinigung trat er hinter dem Vorhang der Loggia auf dem Petersdom als der 265. Nachfolger des ersten der Apostel vor eine jubelnde Menschenmenge. Er sei der »kleine Papst«, ein einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn, der dem großen Karol Wojtyla folgt, stellt er sich den 1,2 Milliarden Katholiken weltweit vor– und er weiß, was zu tun ist.

Die wahren Probleme der Kirche, so macht der neue Pontifex deutlich, liegen nicht im Mitglieder-, sondern im Glaubensschwund. Es sei das Verlöschen des christlichen Bewusstseins, das die Krise bringt, die Lauheit in Gebet und Gottesdienst, die Vernachlässigung der Mission. Wahre Reform ist für ihn eine Frage des inneren Aufbruchs, der flammenden Herzen. Oberste Priorität hat die Verkündigung dessen, was man aus gesicherter Erkenntnis über Christus wissen und glauben kann. Es gehe darum, »dass das Wort Gottes in seiner Größe und Reinheit erhalten bleibt – gegen alle Versuche der Anpassung und Verwässerung«.

Viele Jahre lang ist das Pontifikat des Deutschen ein einziges Hosianna. Niemals zuvor haben so viele Menschen Papst-Audienzen besucht. Benedikts Enzykliken Deus caritas est, Spe salvi und Caritas in veritate erreichen Auflagen in astronomischer Höhe. Längst waren viele seiner Bücher Klassiker geworden, nun liefern seine Reden Schlagzeilen für die Titelseiten der Weltpresse. Allein es geschafft zu haben, nach dem langen und bewegenden Pontifikat Wojtylas einen Übergang ohne jeden Bruch zu vollziehen, wird ihm als einzigartige Leistung gutgeschrieben.

Aber der 78-jährige ist nicht nur der Papst, der das Konzil mitgestaltet hat, er ist auch der, den sich das Konzil erträumte. Nüchternheit, Dialog, Konzentration auf das Wesentliche kennzeichnen den neuen Stil, der im Vatikan einzieht. Der liturgische Aufwand wird reduziert, Bischofs synoden werden verkürzt, dafür aber kollegial als Diskussion angelegt.

Benedikt XVI. arbeitet im Stillen, auch an Dingen, die bei seinem Vorgänger liegengeblieben waren. Effekthascherei lehnt er ab. Stillschweigend schafft er den Handkuss ab, ersetzt im Wappen die mächtige Papstkrone durch eine einfache Bischofsmütze. Im Respekt gegenüber der Tradition übernimmt er aber auch Gepflogenheiten, die nicht unbedingt nach seiner Fasson sind. Er ist nicht der Chef, nicht das Kultobjekt der Kirche, das sich nach vorn drängt. Er steht nur anstelle eines anderen, der allein geliebt und an den geglaubt werden muss, Jesus Christus, das Mensch gewordene Wort Gottes.

Nach Johannes Paul II. spricht mit Benedikt XVI. ein zweiter Nachfolger Petri in einer Moschee. Erstmals aber nimmt mit dem deutschen Pontifex ein Papst an einem protestantischen Gottesdienst teil. Ein historischer Akt ohnegleichen, dass mit ihm ein katholisches Kirchenoberhaupt die Wirkstätte Luthers besucht. Er macht, auch dies ein Novum, einen Protestanten zum Vorsitzenden des päpstlichen Rates der Wissenschaften, holt einen Muslim als Professor an die päpstliche Universität. Gleichzeitig hebt er durch seine theologische und intellektuelle Potenz das Papsttum auf ein Niveau, das die katholische Kirche auch für bislang Außenstehende anziehend macht. Nicht zuletzt durch drei inhaltsstarke Themenzyklen wie das Paulus-, das Priester- und das Glaubensjahr. Dass er mit dem Erlass Summorum Pontificum Priestern erlaubt, wieder die über Jahrhunderte gültige tridentinische Form der Messe zu feiern, ohne zuerst bei einem Bischof um Genehmigung betteln zu müssen, ist ein Akt der Öffnung, der Freiheit, nicht des Rückschritts.

Benedikt XVI. hat nicht alles richtig gemacht. Und zweifellos konnte das Pontifikat das Potenzial nicht ausschöpfen, das in der Person dieses Papstes gegeben war. Vielfach wirkte das Verhalten der Brüder im Bischofsamt und von Teilen des vatikanischen Apparates wie Verweigerung. Unterlassene Hilfeleistung war es allemal. Benedikt nahm es in Demut hin. Sogar Verräter ertrug er, ganz ähnlich seinem Herrn. Aber war er wirklich der schwache Pontifex, als den ihn seine Gegner nach seinem Rücktritt darzustellen versuchen?

Wie Dauerfeuer wirkten unzählige der Coverstorys und Medienbeiträge, die auf Ratzinger niedergingen. »Wenn ein Papst nur Beifall bekäme«, antwortete der Geschlagene, »müsste er sich fragen, ob er etwas nicht richtig macht.« Tatsächlich aber war das pausenlose Papst-Bashing führender Pressehäuser, die ihre eigenen Vorstelllungen durchsetzen wollten, eine der größten Belastungen seines Pontifikats. Da spielte es keine Rolle, ob die Anschuldigungen auch berechtigt waren.

Um kurz die gerne strapazierten »Skandale« zu nennen: Der Papst habe, so ein bis heute gepflegtes Urteil, mit dem Piusbruder-Bischof Richard Williamson »einen Holocaust-Leugner wieder in die katholische Kirche aufgenommen«. Tatsächlich brachte diese Meldung im Januar 2009 eine Wende in der bis dahin von einer breiten Öffentlichkeit extrem positiv beurteilten Arbeit des Papstes. Fakt ist: Williamson war anglikanischer Konvertit. Weder wurde er von Rom als Bischof anerkannt, noch die von der katholischen Kirche getrennte Bruderschaft rehabilitiert.

Das jüdisch-christliche Thema gehörte dabei nachgerade zu den Hauptanliegen Ratzingers. Ohne ihn, so Israel Singer, 2001 bis 2007 Generalsekretär des jüdischen Weltkongresses, wäre die entscheidende historische Wende der katholischen Kirche in der Beziehung zum Judentum, die eine zweitausend Jahre alte Haltung definitiv beendete, nicht möglich gewesen. Unter Benedikt XVI., fasste Maram Stern zusammen, der Vizepräsident des jüdischen Weltkongresses, war diese Beziehung besser »als je zuvor in der Geschichte«.

Was den Skandal um den sexuellen Missbrauch von Schutz befohlenen durch Priester und Ordensleute betrifft, gibt es in der Tat eine Vielzahl von Versäumnissen und Fehlern, vor allem durch die zuständigen Stellen in den einzelnen Ländern. Längst wird aber auch anerkannt, dass ohne das Management Benedikts XVI. eine der größten Krisen in der Geschichte der katholischen Kirche einen noch weit größeren Schaden angerichtet hätte. Bereits als Präfekt hatte Ratzinger Maßnahmen eingeleitet, um die Fälle konsequent aufzuklären und die Täter zu bestrafen. Als Papst entließ er rund 400 Priester und definierte die kirchenrechtlichen Grundlagen, um Bischöfe und Kardinäle zu belangen, die sich der Aufklärungsarbeit verweigern.

Und die Vatileaks-Affäre? Man darf den Fall nicht bagatellisieren. Hinter den Vorgängen verbergen sich problematische Störungen in einzelnen Führungsetagen der Weltkirche. Von der angeblichen »Verschwörung im Vatikan« aber blieb am Ende kaum mehr übrig als der Diebstahl von Papieren durch einen kranken Kammerdiener. In Bezug auf die umstrittene Vatikanbank IOR hat Benedikt eine umfassende Überprüfung in Auftrag gegeben und die Neuorganisation eingeleitet. Nicht zuletzt ordnete er eine Untersuchung des gesamten Umfeldes an. Der Bericht der Kommission darüber ist unter Verschluss. Sein Umfang ist allerdings weit weniger dramatisch als angegeben.

Das alles vermissen die Anhänger Benedikts: seine klugen Reden, die den Verstand kühlen und das Herz wärmen konnten; den Reichtum seiner Sprache; die Redlichkeit in der Analyse; die unendliche Geduld beim Zuhören; die Noblesse in der Form, die er wie kaum ein anderer Kirchenmann verkörperte. Natürlich auch sein schüchternes Lächeln, seine oft ein wenig linkischen Bewegungen, wenn er wie Charly Chaplin über ein Podium schritt. Vor allem sein Beharren auf der Vernunft, die als Garant des Glaubens die Religion vor dem Abgleiten in irre Phantasien und Fanatismus schützt. Nicht zuletzt seine Modernität, die viele nicht erkennen konnten oder wollten. Ihr ist er treu geblieben, auch in der Bereitschaft, Dinge zu tun, die zuvor noch niemand getan hatte.

Bei all der Fülle an Schriften, Predigten, Meditationen, Korrespondenz – es gibt von ihm 30 000 Briefe allein bis zu seinem Amtsantritt als Bischof – hat Joseph Ratzinger nie eine eigene Lehre entwickelt. Er nahm als Theologe auf, was da war, erkannte das Wesentliche, ordnete es ein in den Zusammenhang der Zeit und drückte es neu aus – um die Botschaft des Evangeliums und das Wissen aus der Geschichte des Christentums für nachfolgende Generationen zu retten. Angesichts der Bedeutung, die er dabei der Kirche zumaß, ist auch sein Kampf um diese Kirche nachvollziehbar – damit sie das rettende Zeit-Raumschiff bleibt, eine Arche Noah für die Transmission in eine bessere Welt. Er nannte das »die eschatologische Radikalität der christlichen Revolution«.

Allein das dreibändige Christus-Werk des Papstes macht dieses Pontifikat einzigartig. Benedikt XVI. schuf damit das unentbehrliche Vademekum für künftige Theologie, Katechese und Priesterbildung, kurz: das Fundament der Glaubenslehre für das 3. Jahrtausend. Nicht auf dem Lehrstuhl der Universität, sondern nur auf dem Stuhl Petri konnte sich der Kreis schließen. Und niemand anderer hatte die Bildung, die Biografie, die Kraft und die Inspiration, das bis zur Unkenntlichkeit zerkratzte Bild Jesu mit wissenschaftlicher Akribie und mystischem Realismus zu reinigen und der Menschheit neu zugänglich zu machen.

Der englische Historiker Peter Watson nennt Benedikt XVI. in einer Reihe mit Lessing, Kant und Beethoven einen der letzten Vertreter des »deutschen Genius«. Für den peruanischen Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa ist er einer der bedeutendsten Intellektuellen der Gegenwart, dessen »neue und kühne Reflexionen« Antwort gäben auf die moralischen, kulturellen und existenziellen Probleme unserer Zeit. Die Geschichte wird darüber urteilen, welche Bedeutung diesem Papst über den Tag hinaus zusteht. Eines jedoch kann schon heute als gesichert gelten: Keiner außer Joseph Ratzinger stand mit über drei Jahrzehnten so lange an der Spitze der größten und ältesten Institution der Welt. Mit seinen Beiträgen zum Konzil, der Wiederentdeckung der Väter, der Verlebendigung der Lehre und der Reinigung und Konsolidierung der Kirche war er nicht nur ein Erneuerer des Glaubens, sondern als Theologe auf dem Stuhl Petri einer der bedeutendsten Päpste überhaupt, ein Kirchenlehrer der Moderne, wie es ihn nicht mehr geben wird. Der historische Akt seiner Demission hat nicht zuletzt das Petrus amt grundlegend verändert. Er gab ihm jene geistliche Dimension zurück, mit dem es im Ursprung beauftragt war.

Mit Benedikt XVI. ging eine Ära zu Ende, vielleicht sogar ein Äon, einer jener Zeitabschnitte, die im Jahrtausendschritt die großen Wenden in der Geschichte kennzeichnen. Die acht Jahre seines Pontifikats waren so etwas wie die großen Exerzitien, deren die Kirche bedurfte, um die innere Burg zu festigen und ihre Seele zu stärken. So gesehen hat der letzte Papst einer untergehenden Epoche die Brücke gebaut für das Kommen des Neuen – wie immer es auch aussehen mag. Benedikt XVI., so fasste sein Nachfolger zusammen, sei »ein großer Papst« gewesen: »Groß ob der Kraft und des Durchdringungsvermögens seiner Intelligenz, groß ob seines bedeutenden Beitrags zur Theologie, groß ob seiner Liebe gegenüber der Kirche und den Menschen, groß ob seiner Tugend und seiner Religiosität.« Sein Geist, so Franziskus, »wird von Generation zu Generation immer größer und mächtiger in Erscheinung treten«.

Die nachfolgenden Interviews wurden kurz vor und nach Benedikts Rücktritt als Hintergrundgespräch für die Arbeit an einer Biografie geführt und geben noch einmal den Blick frei auf eine der faszinierendsten Persönlichkeiten unserer Zeit. Der Text wurde vom emeritierten Papst gelesen und für diese Ausgabe freigegeben. Möge dieses Buch ein kleiner Beitrag dazu sein, falsche Bilder zu korrigieren, Licht ins Dunkel zu bringen, insbesondere auch in die Umstände seines Rücktritts, der die Welt in Atem hielt. Am Ende gilt es, den Menschen Joseph Ratzinger und den Hirten Benedikt XVI. besser zu verstehen, seine Heiligkeit zu würdigen – und vor allem: den Zugang zu seinem Werk offenzuhalten, in dem ein Schatz für die Zukunft liegt.

Peter Seewald